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Diedrich Diederichsen
Total vergessen: Die Solidarität
Hoch die internationale Solidarität! Auf nichts konnte man sich auf einer Demonstration in meiner Jugend so verlassen wie auf diesen Slogan. Es gab keine, nicht einmal eine gegen die Fahrpreiserhöhungen lokaler Verkehrsbetriebe, in der er nicht skandiert wurde. Und jede Verhinderung einer solchen Preiserhöhung konnte "Sieg im Volkskrieg" genannt werden. Gegen die Anweisung von Brecht und Eisler ist die Solidarität, zumal die internationale Solidarität als normative Kategorie in der Zwischenzeit vergessen worden. Nicht dass, zumal in jüngster Zeit, internationalistische Bewegungen und Theorien neue Äquivalenzen eingerichtet hätten und die populäre Presse, ex negativo über den seltsamen Begriff "Globalisierungsgegner" eine neue Internationale erfunden hat, aber wenn es zu den Kategorien internationaler Zusammenarbeit kommt, wird heutzutage eher auf die Vernetzung der Kultur-Szenen verwiesen oder auf den kalten Automatismus des WorldWideWeb, der die die Leute quasi automatisch zusammenbringe ohne dass das Zutun normativer, politisch-moralischer Kategorien vonnöten sei.
Wo ist sie also geblieben, diese internationale Solidarität? Diese Frage stelle ich mir im Zuge des Projekts, alle halbe Jahre einmal einen klassischen Begriff des linken Selbstverständnisses neu anzuschauen. Dabei ging es stets um Begriffe, die aus dem Alltagsgeschäft linken Denkens herausgefallen waren, aber immer noch so etwas wie eine implizite Voraussetzung anderer, durchaus lebendiger Kategorien leisteten. So wird und wurde immer auch dann gegen Reformisten geschimpft, wenn man nicht wusste, ob und was für eine Revolution man für erstrebenswert hielt. Implizit war die Revolution, die große finale Umwälzung, das ins Gute gewendete Armageddon noch immer die Kategorie, die das Denken formierte, aber sie musste abgeschirmt werden gegen die kalte Sonne allzu genauer Nachfragen.
Heute bin ich hier eingeladen, weil ich vor einem Jahr eine Reihe von Veranstaltungen verantwortet hatte, die sich mit dem Begriff der Negation beschäftigt haben - eine andere Kategorie dieses Status. Eine meiner Thesen bezüglich dieses Begriffes, dessen existenzielles Korrelat meiner Meinung nach am Beginn jeder Politisierung steht - "So will ich nicht leben!" - war die, dass es einen Tausch gegeben hat, zwischen zwei sehr verschiedenen Kulturen der Negation. Zum einen hat es immer eine oft bodenlose, radikale Negation in den Künsten gegeben, oft war dies gerade nicht die konkrete Negation, die auf einen bestimmten Lebensumstand, auf bestimmte politische Verhältnisse zeigt und sagt: So will ich nicht leben. So soll kein Mensch leben. Sondern es war eine universale und fundamentale Negation, die oft jeden Bezugspunkt verlor und in eine schwarze Ewigkeit eintauchte, aber gerade dadurch den konkreten und bestimmten Negationen etwas hinzuzufügen hatte, die die anderen, die Politisierten artikulierten, die aus konkreten abzulehnenden Verhältnissen, Handlungen und Direktiven entwickelten und nun wiederum den Künstlern mit ihrer unvernünftigen und manchmal sogar auch Faschismus-anfälligen Negativität Ordnungsrufe erteilen mussten. Dafür waren die, die in dieses Innere der Negation abgetaucht waren misstrauischer gegen die Verführung der Verhältnisse - was seine guten existenzialistischen und seine unangenehm priesterhaften Seiten haben konnte.
Unter den Bedingungen von Neoliberalismus und Postsozialismus, so behauptete ich damals, hat sich diese Verhältnis umgedreht: Politische Aktivisten schauen heute in den Abgrund und haben keinen Boden mehr unter den Füssen. Sie müssen sehr mutig sein. Oder ein bisschen irre. Während der radikale Individualismus der Künstler/Innen vernünftig und pragmatisch geworden ist, auch im Sozialen: er bewirkt sogar soziale Verbesserungen. Der/die Aktivist/in dagegen, selbst in der pragmatischen Version, fällt nur noch auf, wenn er/sie künstlerisch auffällt. Linkssein ist in Deutschland eine künstlerische Position. Man fragt nicht mehr die Künstler nach ihrer Haltung zur Politik, man fragt nur noch die Linken, ob sie mit Öl, Kamera, Laptop oder Turntable links sind.
Das hat Auswirkungen auf die Frage nach dem nächsten Begriff, den der Solidarität. Dieser Begriff spielte nämlich bei der deutschen Linken deswegen eine bedeutende Rolle, weil er lange Zeit dafür garantierte, dass die Linke nicht zur bloßen Kultursparte wurde - mal dahingestellt, ob letzteres wirklich das Schlimmste ist. Solange die westedeutsche Linke international solidarisch war, hatte sie eine Realitäts- und Machtbasis, die sie in einem Land, das schon 1956 seine, ohnehin winzige Kommunistische Partei verboten hatte und erst in den späten 60ern eine Linke bekam, die wiederum aus der Kunstszene und der Studentenkultur hervorgegangen war, nicht zur Verfügung stand. Alle wesentlichen Institutionen der deutschen neuen Linken beriefen sich in ihrer ideologischen Orientierung auf internationale Partner. Die Internationalität der Solidarität nahm also sehr oft den Rang eines Legitimationsdiskurses ein: man drohte den westdeutschen konsensdemokratischen Verhältnissen mit der internationalen Solidarität wie man dem Schulhofschläger mit dem großen Bruder droht. Die Geburt einer neuen Linken war überhaupt nur möglich, weil sich deren hauptsächlich studentischen und akademischen Protagonisten weniger auf Aktionen und Akteure der lokalen deutschen Situation bezogen hätten, als vielmehr auf eine Vielzahl internationaler Situationen, von Vietnam bis Uruguay, vom nahen Osten bis nach Mittelamerika. Dies galt nicht nur für das Selbstverständnis in einem größeren Kontext, sondern auch für die Abgrenzungsorgien mit den anderen Linken. Auch die Dringlichkeit ihres Anliegens bezog die radikale Linke aus der globalen Situation, nicht aus der bundesrepublikanischen: diese war ihr notwendiger blinder Fleck. Dass die BRD ein blinder Fleck blieb, war für viele Ex-Linke nach der Wiedervereinigung das Einfallstor zu einer Versöhnung mit dem Nationalen, für andere wurde das eigene Land nun plötzlich zum einzigen Grund der Politik, als Anti-Deutsche etwa.
Die weltweiten Bezugspunkte der Solidarität hatten dabei natürlich sehr unterschiedliche eigene politische Ideen hervorgebracht - und das ist für die Solidarität ja nicht unwichtig. Allende und später die Sandinisten waren parlamentarisch gewählte radikale Reformisten, die arabischen Militanten, bei denen sich die RAF ausbilden ließ, hatten sich dagegen für eine Politik des Terrorismus entschieden. Unmittelbare Inspiration der RAF war die uruguayische Stadtguerilla. Wieder andere Linke waren mit staatssozialistischen Regimes der unterschiedlichen Couleurs solidarisch: lauter ruhmlose Allianzen, die vom kulturrevolutionären China über Albanien bis zu Horrortypen wie Haile Mengistu reichten. Und sogar Idi Amin wurde zum Partner eines "linken" deutschen Kommandos, das bei einer Flugzeugentführung die jüdischen Passagiere selektierte.
Nach dem Ende des kalten Krieges krachte das Konzept zunächst zusammen. Die Matrix der Solidarität hatte sich aufgelöst. Plötzlich war es zwingend einen Bezug zum eigenen Ort zu entwickeln, Deutschland stand historisch weltpolitisch im Mittelpunkt und wurde zum Symbol globaler Veränderungen und es gab eigentlich vier Konsequenzen dieser Lage, ich habe sie schon angedeutet:
1. Versöhnung mit Deutschland und auf diesem Wege den biographisch eh anstehenden Ausstieg aus der Linken managen, in der Konsequenz Realpolitik betreiben und die Erweiterung der EU wünschen;
2. Deutschland auch in den Mittelpunkt stellen, nun aber als aktuelle, ja strukturelle und nicht nur historische Quelle allen Übels, als Welteroberungszentrale, die lokal Rassismus befeuert und global mithilfe der EU sowie arabischer und anderer Übelmänner Hegemonie anstrebt. Diese hysterische Position, die aus ursprünglich vielen richtigen Diagnosen sich entwickelte - vor allem über die wahre nämlich nationalistische Natur diverser Befreiungsnationalisten, mit denen deutsche Linke gerne paktiert hatte und über den islamistisch-antisemitischen Charakter der Verbündeten der deutschen Linken im Nahen Osten - diese Position, die "antideutsche", kümmerte sich bald aber auch immer weniger um die lokale Lage des deutlich nach rechts gerückten wiedervereinigten Deutschlands, sondern baute wiederum das Zentrum seiner Position um die Frage herum auf, wie man es mit Israel halte, die unbedingte Solidarität mit Israel, inklusive seiner aktuellen Regierung wurde zur wichtigsten Orientierung, wo man wieder bei der alten Neigung der klassischen neuen Linken angekommen war, sich eher über den internationalen Bündnispartner und eher außenpolitisch zu definieren, als über die eigen interne Politik.
3. Die dritte Konsequenz bestand darin, so weiterzumachen wie bisher: Solidarität mit allen unterdrückten Völkern, von je unterschiedlichen Prämissen aus, aber ohne Berücksichtigung der veränderten Lage nach Wiedervereinigung und Ende des Kalten Krieges. Eine Position, die es als naiver und zuweilen ins Gruslige kippender Anti-Imperialismus bis zur letzten documenta geschafft hat und im Katalog in der Überlegung Enwezors gipfelt, die Angriffe auf das WTC und die Demonstrationen in Genua, das Sozialforum von Porto Alegre und die iranische Revolution gehörten derselben Kategorie von Aufständen der Peripherie gegen das Zentrum an
4. Ein neuer Solidaritätsbegriff entsteht, der nicht mehr von den klassischen Voraussetzungen des Tiersmondisme ausgeht, sondern das, zwar nicht unabhängig von den politischen Systemen entstandene, aber jenseits von Systemgrenzen wahrnehmbare Anwachsen von Rassismus, Sexismus und Klassengrenzen quer durch die nationalstaatlich gebundenen wie die globalen Verhältnisse in den Mittelpunkt stellt. Handelnde in diesem Dispositiv sind nicht nur durch ihre Position als Staatsbürger bestimmter Länder, als Begünstigte bestimmter Privilegien oder Benachteiligte vorderhand ausgewiesen, sondern als mit diversen Vor- und Nachteilen um Fragestellungen herum ausgestattete Subjekte organisiert, die nicht mehr mit der Verbundenheit mit oder dem Antagonismus gegenüber die jeweiligen Herrschenden und Herrschaftsformen zu tun haben. Es gab keine Solidarität mehr mit Staaten oder Befreiungsbewegungen, sondern mit Opfern von Verhältnissen, deren Opfer tendenziell jeder ist. Spezifische Identitäten waren so verpönt wie trotz allem virulent.
Diese Position, die wie eine Formel aussah, die das alte Solidaritätsproblem überwunden hätte, bekam bald neue Schwierigkeiten. Die Indifferenz gegenüber die konkret Benachteiligungen verursachende Realpolitik erwies sich als ein hoher Preis. Die unbedingte Solidarität mit sauberen, als Gegenmacht ausgewiesenen Gruppen und Organisationen gab das politische Feld zugunsten eines oft reinen erweiterten Menschenrechtsaktivismus frei. Schließlich teilten diejenigen, die besonders benachteiligt waren, selten die hohe Wertschätzung der strukturalistisch- transversalen Architektur der neuen Solidarität, entlang von Ausschließungen und Zulassungen, sondern organisierten sich oft lieber identitär anhand von Wir-Vorstellungen und hatten damit in der Regel auch mehr unmittelbaren Erfolg. Pierre Bourdieus Rechtfertigung von "Black Power" war eine gute Antwort auf manche Exzesse des Anti-Essenzialismus. Konnte man die alte Brecht-Formel, dass nur Gewalt hilft, wo Gewalt herrscht, übertragen in die Formel, dass nur Identität helfe, wo Identität herrscht? Von identitären, Wir-bezogenen Bewegungen wollte sich diese Teil der 90er Linken, die aus der Vergangenheit gelernt zu haben, beanspruchte, unbedingt trennen, durchaus in der Verkennung jeder realpolitischen Lage, aber eben auch aus der durchaus ehrenwerten Überlegung, dass identitäre Gruppen in letzter Instanz auf ethnische oder andere essenzialistische Begründungen quasi-ethnischer Natur rekurrieren müssen.
Ob sie das wirklich müssen, will ich mal dahin gestellt lassen, sie tendieren dazu aber in besonderem Maße, wenn sie der Aktivität der Solidarität durch weniger Benachteiligte ausgesetzt sind. Dieses Problem hat sehr viel mit der Struktur der internationalen Solidarität zu tun. Sie, die "Empfänger" solcher Solidarität, werden dann nämlich automatisch in den Augen der "Absender" zu so etwas Ähnlichem wie ein ethnisch definiertes Kollektiv und das liegt in der Logik der Solidarität schlechthin. Solidarität ist - und hier kommt der sicher schon lange erwartete Definitionsvorschlag - nämlich nicht einfach Mitgefühl oder Empathie: sie ist Mitgefühl und Empathie mit anderen, deren politische (und nicht nur kreatürliche) Position ich teile. Solidarität ist immer zweiteilig - womöglich zu Nachteilen seiner beiden Komponenten, Mitgefühl und politischer Konsens. D.h. es muss einen Grund für das Mitgefühl und es muss einen Grund für den politischen Konsens im weiteren Sinne geben: beide sind miteinander verbunden und tendieren so dazu, dem politisch bestimmten Kollektiv einen kreatürlichen Leidenskörper zuzuschanzen. Solidarität ist nicht kalt. Ihre wärmesuchenden Antennen konstruieren die wesenhaft und essenziell bestimmten Wesen, die in unsere politischen Imaginationen passen.
Die deutschen Linken waren dabei mit den einen immer eher solidarisch als mit den anderen. Wobei ich das vielfach erhobene Argument neu formulieren würde, die Linke hätte zuwenig Solidarität mit den Dissidenten des Ostens vor 89 gezeigt, denn für Solidarität im eigentlichen Sinne kamen die ja oft nicht in Frage: sie vertraten eine andere Politik. Vorzuwerfen wäre eher das Versäumnis, Empathie zu entwickeln, wo zwar Solidarität unangebracht erscheint, aber ein Unrecht ignoriert wird, um die eigene Weltanschauung kohärent zu halten.
Auch wenn das Zeitalter der internationalen Solidarität 89 weitgehend zuende ging, hat sich vieles an der Mechanik nicht geändert. Die beiden zentralen Adressaten deutscher Solidarität in der Zeit nach 89 waren zunächst Chiapas, dann Argentinien. Mit ihren Vorgängern aus der Zeit vor 89 - z.B. Cuba, Chile, Nicaragua - haben sie ihre lateinamerikanische Herkunft gemeinsam. Zur gleichen Zeit wurden andere Weltgegenden, die von der Solidaritätskarte gestrichen wurden, auch gleich von der Empathiekarte gestrichen: schieden sie als Kandidaten für politische Solidarität aus, waren sie auch als Orte der Empörung über Machthaber nicht mehr sehr geeignet: Tschetschenien, der mittlere Osten, Myanmar, die indonesischen Konflikte etc. Solange nur Barbarei vorliegt ohne dass dagegen ein sympathischer, also nicht-islamistischer, unfundamentalistischer Widerstand keimt, entsteht auch keine internationalistische Empörung. Obwohl von internationaler Solidarität als normativer Formel nach 89 nicht mehr viel zu hören war, blieb sie doch ein Modell für die meisten internationalistischen Ansätze nach ihr: wir nehmen Kämpfe nur zur Kenntnis, wenn die sich Verteidigenden sympathisch nach unserem Weltbild sind.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich will nicht mehr Empörung einklagen, Empörung ist meist eine stumpfe Reaktion, wenn sie allein bleibt. Ich plädiere nur für die Zurkenntnisnahme der anderen Verbrechen im politisch diagnostischen Interesse. Die große Erkenntnis der post-antiimperialistischen Epoche der Linken, dass die Opfer von Herrschaft nicht notwendig sympathisch und erst recht nicht automatisch politisch im Recht sind, wurde der Bequemlichkeit geopfert, sich mit eben den sympathischen Opfern zu solidarisieren. Das konnte bei Mexiko und Argentinien besonders merkwürdig werden, weil die artikulierten Positionen ja eben nicht von irgendwelchen romantisierbaren Opfern stammten, sondern von Leuten, die mit einer ähnlichen Geschichte aus bürgerlicher Erziehung und selbstentwickelten linken und poetischen Gegenidentitäten aufgewachsen waren wie die sich Solidarisierenden hierzulande. Das Problem war also gelöst, indem man sich endlich mit - sozusagen - seinesgleichen solidarisierte. Hatte man früher über gleiche Begriffe sehr unterschiedliche Lebenslagen überbrückt, so überbrückte man nun über die gleiche Sprache, Kultur, Attitudes und Lieblingsphilosophen. Die Welt politischer Romantik schloss sich, könnte man böswillig zuspitzen. Und der Jubel über die Kategorie der Multitude, die so vielen zu sagen scheint, dass es auf der politischen Ebene von Mangel- und Elendserfahrungen keine großen Unterschiede gäbe, zumindest keine die kategorial wären, gehört in diesem Zusammenhang.
Nun könnte man sagen, dass ich hier absolute Alternativen nach der Art von Zwickmühlen errichte, die ihre schlechte Ausschließlichkeit nur auf der Ebene von Begriffen entfalten. Entweder, werfe ich den deutschen Linken vor, sie würden im Stile alter tiersmondistischer Solidarität ihre internationalen Partner alterisieren und politisch romantisieren, oder, ich werfe ihnen vor, sie würden auf der Suche nach sympathischen Partnern, ohne politische Analyse, immer nur ihresgleichen globale Studententypen hören und finden: wie sie´s auch machen, sie machen es falsch. Mit einer solchen Zuspitzung ist vielleicht tatsächlich niemandem geholfen, sie dient nur der - allerdings beabsichtigten - abschreckenden Charakterisierung von Tendenzen.
Wie aber geht Solidarität, die weder ihresgleichen sucht, noch andere nach eigenem Bilde entwirft und in beiden Fälle nicht alle anderen Leidenden, die nichts Vernünftiges artikulieren können und zur Solidarität nichts taugen, aus dem Gesichtskreis ausschließt?
Ich sehe nur zwei Möglichkeiten. Die erste hat mit Negation nichts zu tun, die zweite schon. Wenn ich den beiden als psychologisch prekär angedeuteten "Übertragungs"-Solidaritäten (in Anlehnung an Freud) entgehen möchte, bleibt nur so etwas übrig wie die Suche nach dem politischen Substrat. Empathie ist nicht Voraussetzung, ist nicht vorgängig, sondern der politische Grund, dem Moral und Gefühl nachfolgen. Suche ich aber nach sachlich politischen Gründen und betrachte die Landschaft der Widerstände mit diesen - in gewissen Sinne: angestrengt kalten - Augen, kann ich logischerweise nur etwas unterstützen, das einer Institution ähnlich ist: Bewegungen oder Organisationen, die in einem so starken Maße nicht auf identitären, kulturellen Kriterien basieren, deren sachlicher Kern so stabil ist, dass auch der über die internationale Distanz hinweg geworfene Blick weder verzaubert wird, noch seinerseits sich etwas zurechtzaubert. Eine solche Bewegung nenne ich Institution - und das muss nichts Falsches sein, ja vielleicht ist es die einzige Möglichkeit, dem politischen Kitsch der "internationalen Solidarität" zu entgehen. Auf diese Weise würde man nämlich endlich der Tendenz etwas entgegensetzen, die aus allem, was politisch zu verstehen wäre, Narrationen, Kultur, Bilder macht. Dies wäre ein Plan, nicht zum Verlassen der Übersicht, sondern zu ihrer Gewinnung. Wann hätte man Übersicht denn auch je gehabt?
Die zweite Möglichkeit würde den Weg in die Tiefe der eigenartigen Neigung weisen, sich zu politisieren, politisch zu sein, solidarisch sein zu wollen. Die rationalistische Position, die ich eben vertreten habe, verkennt ja dramatisch, dass das Interface jeder politischen Erfahrung eine undurchdringliche Schicht von Gefühlen bildet und darum eben kein Interface ist. An dieser Stelle des Politischwerdens entsteht die Negation. Sie hat keine Übersicht und wurde früher von Parteien und Bürokraten instrumentalisiert, die sie an Direktiven koppelte, die aus instrumentell vernünftigen Instititutionen erlassen wurden. Institutionen kennt man seitdem nur als Macht. Und seit es keine Parteien mehr gibt, an die jemand glaubt und die Künstler vernünftig geworden sind, sind tatsächlich alle gemeinsam allein in ihrer Negation. Deren existenzielle Komponente macht Solidarität im klassischen Sinne überflüssig: wir sind so allgemein und protopolitisch verzweifelt, dass wir überhaupt keine Schwierigkeiten haben uns zu verständigen. In dieser totalen Schwärze der Machtlosigkeit verstehen wir uns als würden wir in Zungen reden. Wir sind in dieser Glossolalie wieder am Punkt Null der Politisierung, dem Existenzialismus, an dem Punkt, wo in der Nachkriegszeit alles angefangen hat.
Aber auch diese beiden Möglichkeiten waren vielleicht wieder eine unzulässige oder allenfalls zu rhetorischen Zwecken zulässige Zuspitzung. Einen Sinn kann ich im Verlassen der Übersicht nur erkennen, wenn es um die falsche buchstäbliche Übersicht geht, die von bestimmten, vor allem eben visuellen Bildregimes produziert wird. Übersicht in einem tieferen und begrifflichen Sinne wäre für mich gerade die Nachfolgeformel zur Solidarität, nämlich ein Denken, das die Verschiedenheit und Situiertheit der Denkenden einbezieht, ohne agnostisch und subjektivistisch zu werden, ohne in der subjektiv notwendigen, aber kognitiv unwichtigen Negation zu verharren. Negation gibt Kraft, aber sie verleiht keine Kunstfertigkeiten. Die vielgeschmähte bürgerliche Wissenschaft hat ja gerade in den letzten Jahrzehnten, wenn nicht im ganzen letzten Jahrhundert, das ja geprägt war von Begriffen wie Betrachterabhängigkeit, Unschärfe und Relativität, versucht, dieses Problem zu adressieren. Ihr Erfolgsprodukt Systemtheorie hat genau dieses Ziel: Würdigung der Beobachterabhängigkeit von Erkenntnis ohne Verzicht auf Erkennbarkeit. Sie hat dabei nur einen unterentwickelten Begriff von Interesse und Interessensunterschieden und sie hat gar keinen von Emanzipation, sie hat sich die Beobachter nur wissenschaftlich, nicht politisch vorgestellt. Aber das kann man ändern.
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