Zwischen Krise und Gegenmacht. Widersprüche der Negation

(17 von der bolivianischen Revolte inspirierte Notizen)

Colectivo Situaciones


1- Die Negation bewegt. Sie löst auf, was war. Jede Deskonfiguration öffnet uns einen virtuellen Raum, der von Möglichkeiten bevölkert ist. Indem sie negiert, was sie ist, kann die Negation uns überraschen. Nicht, dass sie positiv würde. Aber sie trifft sich mit dem Positiven.
In der Bewegung ist die Negation nicht nur reine Auflösung. Jede neue Konfiguration impliziert eine Begegnung mit den Kräften, die ihr erlauben, zu sein und sich zu bewegen. Die Negation als Verschiebung, als unmögliche Identität, als Wahrheit (in dem Sinn, in dem, laut Adorno, "das Ganze das Unwahre" ist), ist Öffnung, ist Aufruf zum Werden. Aber das Werden ist positiv, oder besser, kann Erfahrung sein - und deswegen - Ausgangspunkt, bewohnbares Gebiet, Gründungsereignis: Affirmation. Affirmation, die (sich) wiederum doppelt negiert: sie negiert sich, um nicht Falschheit - Identität - zu werden; sie negiert aber auch, indem sie mit ihrer Macht die Ruhe der Zusammenhänge angreift. Die Aktivität dieser Macht beunruhigt. Ihre Ausbreitung ruft Reaktionen hervor. Diese Reaktionen sind - könnten wir sagen -ebenfalls negativ. Der Sinn dieser Negativität ist jedoch - augenscheinlich - dem der zuerst genannten entgegengesetzt.

2- Es handelt sich also um zwei Negativitäten. Eine wirkt innerhalb eines konstituierenden Zusammenhangs, indem sie dekonstruiert, aber auch eine vollständige Identität, eine Ruhe unterbindet (wir nennen sie resistente Negation), und eine andere handelt aus Ressentiment angesichts dieser Eigenschaften (reaktive Negation). Und obwohl es vielleicht a priori nicht möglich ist, diese beiden Negationen radikal voneinander zu unterscheiden, können wir eventuell ein praktisches Mittel zur Hilfe nehmen, das uns erlaubt, die Natur jeder konkreten Negation - resistent oder reaktiv - in ihrer konkreten Situation zu bestimmen. Wir schlagen vor, die "resistente Negation" anhand gewisser Eigenschaften zu erkennen: a- sie drängt in Richtung Vielfalt und gegen ein eindimensionales Leben; b- die Form des Widerstands, den sie ausübt, ist Ausdruck einer Macht (der Arbeit, des Sprechens, des Genusses, des Erschaffens); c- somit ist ihre Zeitlichkeit nicht sekundär, sondern primär: die Negation ist Ausdruck einer produktiven Kraft. Das heißt: in einer konkreten Situation manifestiert sich die Negation als Gründung. Der Widerstand, das "Nein" der Negation, der "Schrei" (wie es Holloway nennt) öffnet der Gegenmacht die Türen. Die "reaktive Negation" ist sekundär; ihre Kartographie ist die der zentralisierenden, hierarchisierenden, klassifizierenden Mächte: ihre Behauptung ist die Konservierung und die Blockierung alles möglichen Werdens.

3- Die aktuellen lateinamerikanischen Krisen erleben beide Negativitäten: eine begründet sich in der Gewalt des Kapitals und der Unterdrückung der Staaten, die andere in der Verteidigung des Lebensraumes und der Widerstandsfähigkeit der Menschen. Vom Zapatisten-Aufstand über den argentinischen Aufstand im Dezember 2001 bis zur aktuellen bolivianischen Rebellion wirkt der Widerstand der Bevölkerung als dekonstruierendes Element und öffnet gleichzeitig verschiedene Möglichkeiten von Zukunft. Die Macht der Leute ruft Reaktionen hervor. Die Dynamik ist polarisierend.

4- Der Antagonismus - oder die Polarisierung - erzeugt Asymmetrien verschiedenster Art. Logik der Reaktion gegen Dynamik des Widerstands. Jede Form der Negativität ist mit der Natur ihres spezifischen historischen Zusammenhangs verbunden: die Negativität der Reaktion ist die pure Äußerung des des in seinem ganzen Wesen parasitären, sekundären und hierarchisierenden Charakters des Kapitals; der Widerstand hingegen, als Negation dessen was "da ist", ist eine Begegnung mit dem Primären - das vorher natürlich nicht als reine Form existiert. Es ist aber evozierbar durch bestimmte Formen des Handelns in bestimmten, konkreten Situationen - mit den konstitutiven Kräften der Produktion, der Kreation, der Freundschaft und der Untersuchung. Logik des Festnehmens gegen Logik der Verwandlung. Verbindung ohne Verbindung zwischen in ihrem Wesen entgegengesetzten Polen und asymmetrischer Politik.

5- Muss man nun nach der Umkehrung fragen, nach den Regeln, denen zufolge jede Negativität Positivität wird? (Wie die Reaktion als effektive Gewalt funktioniert; wie die Widerstände tatsächliche Macht aktualisieren.) Oder werden wir auf diesem Weg zu abstrakt? Halten wir wenigstens fest, dass auch auf dem Weg von einem Zustand zum anderen die Charaktere in diesem Spiel ihre Asymmetrie beibehalten (so wie sie in Marx' Analyse der Dialektik zwischen Kapital und Arbeit dargestellt wird).

6- Polarität und Asymmetrie; missglückte Treffen, Koexistenz und Konfrontation: das scheinen die äußeren Formen zu sein, in denen Macht und Gegenmacht in Beziehung zueinander treten. Und davon abgesehen gibt es noch weitere Umkehrungen, die zu beachten sind: diejenigen, die Elemente der einen Natur in Handlungen auf dem Feld der anderen Natur verwandeln. Wie wird das Eine vielfältig? Wie wird das Vielfältige in dem Einen wieder absorbiert? Beziehungsreiche Außenräume, die einander durchdringen, sich Gebiete rauben, in feindliche Zonen einfallen und sie verschmutzen: eine fragmentierte Räumlichkeit, die aber voll ist von angenehmen Wegen oder inneren Passagen, von Tunnels, militarisierten Grenzen und Schwellen.

7- Die lateinamerikanischen Krisen sind gewaltige Donner der Reaktion. Ihr Gähnen und ihr Jammern. Die Schmerzen ihres Todes und ihres Erwachens: ihr Morgen und ihre Nacht. Wie Küsten, an denen sich, ohne sich zu berühren, die Strände und die Meere treffen. Die Begriffe lösen sich nicht auf, bekämpfen sich aber dergestalt, dass sie - an ihren Rändern - nicht-linearen Grenzen Platz machen und neue, instabile Bilder hervorbringen. Tanz einer schrecklichen Durchdringung: von Verschleiß und Vernichtung. In den Krisen lernt man mehr über Männer und Frauen (deswegen werden Freundschaften beendet). Es gibt unangenehme Zusammentreffen zwischen denen auf der einen Straßenseite, die jeden Bruch mit der Ordnung/Normalität als merkwürdigen Effekt wahrnehmen, der durch das Aufkommen neuer Subjektivitäten entstanden ist - als ob es sich dabei immer schon um resistente Negationen gehandelt hätte - während auf der anderen Straßenseite diejenigen stehen, die darauf beharren, die Krise als ein systematisches Ereignis zu betrachten, fremd und nur als "Disfunktion" denkbar.
Die Wissenschaften - vor allem die Sozialwissenschaften - sind eine reaktionäre Negation, in der Art, wie sie die Krise als Zusammenspiel objektiver "technischer Mängel" imaginieren. Uns interessieren die ersten, weil sie Augen haben, um in der Krise einen Prozess der Entkräftung desjenigen zu sehen, das in Krise gekommen ist, und um sich selbst als Urheber und nicht als Opfer dieser Entkräftung zu betrachten.

8- Nun gut: Die Krisen sind nicht der Nullpunkt des Widerstands. Die argentinischen, mexikanischen oder bolivianischen Erfahrungen sprechen von einer vorherigen Existenz des Widerstands, seiner Anwesenheit in der Produktion der Krise und den Formen, die Krise bis zum Ende zu bringen. Was wird davon ausgehend gestaltet? Was passiert mit dem Zusammenleben, den Erfahrungen von Versammlungen und den fragmentierten, abhängigen, postmodernen Subjektivitäten? Wie verhandelt man die Anwesenheit aufständischer Massen und die neue Unterordnung des Weltmarktes? Welche neuen Bilder, Ideen und Erfahrungen produzieren wir von Lateinamerika aus?

9- Besitzen wir Sprachen, Bilder und Wahrnehmungsvorgänge, um die Macht des Widerstands aufzuzeichnen, zu begleiten und zu entfalten? Haben wir eine innere Perspektive innerhalb der Räume der Gegenmacht (der Widerstände) entwickelt, die Subjektivitäten hervorzubringen vermag, die die Krise antizipieren und fähig sind, sie zu durchschreiten, weiter zu gehen und aus dem Widerstand neue Lebensstile zu machen?

10- Kapitalistischer Staat, Sicherheitskräfte, Weltmarkt, Technik-Fetischismus und Entpolitisierung der Technologie, Spektakel und Zählen der Ströme, Produktion von Unterordnung in den Arbeitsbeziehungen und im Konsum: das ist die Physiognomie der Reaktion. Wenn auch der neue soziale Protagonismus auf einem von den Bedingungen der Postmoderne gepflügten Boden interveniert, so lehnt er doch deren Schlussfolgerungen ab: das "Vergessen" der Macht.

11- Wir können unsere geheimsten Zweifel ausbreiten: Welche Projektionen können wir machen mit dem Aufkommen einer neuen politischen Radikalität, die ausgehend von einer sehr starken Wertschätzung einer Autonomie der Organisation und des Denkens und der gegenseitigen Abhängigkeit auf horizontaler Ebene (Interdependenz) arbeitet, eine klare Idee hat vom sozialen und politischen Konflikt und von einer wie geschmiert laufenden Solidarität zwischen Gruppen, die nur in punktuellen Konfrontationen gegen die Repression aufeinander treffen? Was erwartet uns, wenn wir erst einmal - mit der größten aller möglichen Kräfte - dem Körper des Kapitals enorme Wunden zugefügt haben, eine Öffnung, die uns zu einer unbekannten Reise einlädt, ein Abenteuer, bei dem, vermuten wir, das Wissen und die institutionalisierten Traditionen des Denkens, die Gewohnheiten des Sozialen und Politischen nicht mehr so wichtig sind.

12- Es handelt sich nicht um politische Revolutionen, aber schon um wirkliche Revolten. Oder um eine Revolution in den subjektiven Formen des Tuns. Vielfalt, die ihren Stoff um Probleme wie Selbstverwaltung von Naturreserven und Wissen webt, in der Perspektive eine neue materielle Produktion von Leben, ausgehend von neuen Schwerpunkten einer Produktion von Werten. In Argentinien war die Veränderung der Landschaft durch das Handeln der Arbeitslosenbewegungen (Piqueteros) sehr auffällig; Hunderte von besetzten Fabriken, die von ihren Arbeitern selbst verwaltet werden; die Stadtteil-Versammlungen, die - in der Tat - den öffentlichen Raum neu definiert haben; die Netzwerke einer solidarischen Wirtschaft; die Erfahrungen in Gesundheit, Erziehung, Menschenrechten und Gegeninformation; die Untersuchungen über eine neue Kunst, die fähig ist, mit dichterer Sprache diese neuen Gewebe zu thematisieren, eine neue Ästhetik, die diese Erfahrung jenseits der Stereotypen und Bestätigungen der (spektakulären) Figur des Betrachters präsentieren kann, und eine neue Sprache, die ihren Sinn erneuert und nicht mehr ist: eine von den Massenmedien überschwemmte Ausdrucksweise, eine unheilbar weit entfernte Akademie, ein politischer Jargon, der das Wort als Objekt der Manipulation betrachtet.

13- Die Negation als Widerstand bewegt sich in Lateinamerika mit neuen Zügen über ein zertrümmertes Spielbrett: auf diesem bruchstückhaften Boden ereignen sich subjektive Reisen und ethische Wanderungen, die weiter gehen und das Bild des leidenden Opfers zurücklassen. Die Krise kann akzeptiert werden, nicht nur in ihren verheerenden und disziplinierenden Eigenschaften: die Wüste kann auch ein Gebiet der Verkettung (agencement) produktiver Kräfte und kooperierender Subjektivitäten sein.

14- Kraft und Zerbrechlichkeit: dekonstruktive Negation und Fehlen totalisierender Modelle: Von der Ablehnung der Herrschaft zur Gestaltung neuen Handelns und Denkens.

15- Und das alles inmitten eines reaktionären Krieges. Des vierten Weltkriegs. Die Hypothese der Gegenmacht wird dringend: vorhandene Netzwerke weiter ausbreiten, um diese neu entstandenen Welten zu schützen. Wenn wir einerseits Gefahr laufen, dass die Institutionalisierung die kreativen Kräfte und die Horizonte blockiert, sollte man nicht vergessen, dass die Gefahr einer Reduzierung auf die "Logik der Konfrontation", die in einer Spiegelungsstrategie gegenüber der Macht stecken bleibt, nicht kleiner ist.

16- Zurück zu unseren geheimsten Sorgen um die resistente Negation: Welche Mittel haben wir, um in Bildern, allgemeinen Ideen und genauen Konzepten den Prozess des Auftauchens des neuen sozialen Protagonismus auszudrücken? Die Beschreibungen, die sich daran versuchen, fallen des öfteren in einen extremen Reduktionismus. Er ist Folge einer deskriptiven Berufung, die die Grenzen ihrer repräsentativen Mittel nicht hinterfragt. Deswegen scheint es unabdingbar, ein ästhetisches Denken zu entwickeln, das fähig ist, neue Darstellungsformen aufzubauen, die den sowieso schon ausgeleierten Maschen der politischen Interpretation entwischen können.

Die Widerstände haben eine umfassende Aktivität von Interventionsleküre oder Lektürenintervention in Gang gesetzt (die gleichzeitig ein neuer ästhetischer und ethischer Anspruch ist):
- eine neue Verbindung zwischen den materiellen Praktiken und den Möglichkeiten des Konzepts; eine Verkörperung des Denkens und - gleichzeitig - eine Denkbarkeit des Tuns;
- ein Schlussstrich unter der Trennung zwischen körperlicher Empfindung und reiner Idee; eine Bewegung, die als unmittelbarer Akteur über das Wissen verfügt, die Erfahrung wieder möglich macht. Dieses neue subjektive Gebiet ist fähig, sich durch sich selbst zu erhalten. Es kann eine Quelle werden von Urteilen, Äußerungen, Bewertungen, Lektüren, Aktionen, Kämpfen, Begegnungen. Es besitzt die Schlüssel-Eigenschaften eines "Volkes der Zukunft" (manchmal anwesend, manchmal abwesend und deswegen - so wollte es Deleuze - abhängig vom ästhetischen Akt, der es ankündigt). Es handelt sich ohne Zweifel um ein fremdes Gebiet, das sich wehrt, definiert, objektiviert und reduziert zu werden. Eine Maschine, die fähig ist, sich souverän die für sie relevante Welt auszusuchen.

17- Wenn jede resistente Negation ein Projekt der Verkettung (agencement: in diesem Fall jedes Aufkommen eines neuen subjektiven Gebietes) beinhaltet, ist es gleichzeitig die Produktion seiner eigenen Bedingungen. Die aktuelle "lateinamerikanische Krise", oder das was auf einigen Gebieten geschieht, die wir beschlossen haben, so zu nennen, wird nicht mehr allein im Licht der Wirtschaftswissenschaften zu sehen sein - diese Prophezeiungen, die uns vom überirdischen Schicksal der Göttin Ökonomie sprechen - sondern vor allem im Glanz dieser Bewegungen der Wiederherstellung, der eigentlichen Botschaft der lateinamerikanischen Kämpfe an den Rest der Welt.

Hasta siempre,
Colectivo Situaciones
Buenos Aires, 20.Oktober 2003